Category: Aktuelles

  • Hot Topic: Wissenschaftsfreiheit

    1. Was heißt Wissenschaftsfreiheit?

    Wissenschaftsfreiheit bedeutet, dass Wissenschaftler:innen ihre Themen frei wählen und Forschungsergebnisse ohne wissenschaftsfremde Einflussnahme veröffentlichen und diskutieren können. Sie ist ein Grundrecht nach Artikel 5 Absatz 3 des Grundgesetzes und gilt für alle, die mit wissenschaftlichen Methoden Erkenntnisse gewinnen. Maßgeblich sind allein Qualitätskriterien wie empirische Überprüfbarkeit, nachvollziehbare Argumentation und innovative Ergebnisse.

    Wissenschaftliche Erkenntnisse sind überprüfbare Aussagen und keine bloßen Meinungen. In der Geschichtswissenschaft gilt zugleich, dass Forschung immer perspektivisch ist. Historische Sachverhalte lassen sich unterschiedlich analysieren, je nachdem, welche Fragestellungen oder Bewertungskriterien Autor:innen zugrunde legen. Kritik durch Kolleg:innen ist daher zentral: Sie erweitert Perspektiven, führt zu Revisionen und ermöglicht wissenschaftlichen Fortschritt. Wissenschaftsfreiheit bedeutet somit auch, Forschungsergebnisse der öffentlichen Kritik auszusetzen.

    In der aktuellen Kontroverse geht es vor allem um das Verhältnis von Wissenschaft und Politik sowie um Macht- und Privilegienstrukturen innerhalb der Wissenschaft. Dabei stehen sich zwei Auffassungen gegenüber:

    (1) Ein kritisches Verständnis von Wissenschaftsfreiheit geht davon aus, dass Wissenschaft immer in politische und gesellschaftliche Machtverhältnisse eingebettet ist und daher nicht „neutral“ sein kann. Wissenschaftsfreiheit soll deshalb Rahmenbedingungen schaffen, unter denen möglichst viele unterschiedliche Perspektiven einbezogen werden können. Dazu gehört auch, Strukturen zu verändern, die bestimmte Gruppen systematisch ausschließen oder benachteiligen. In den Geschichtswissenschaften zeigt sich dies in der Rezeption von Gender Studies, Critical Race Theory, Postcolonial Studies und Alltagsgeschichte, die den Blick auf zuvor marginalisierte Gegenstände, Herrschaftsverhältnisse und Gruppen erweitern. Diese Öffnung soll Wissenschaft insgesamt demokratischer, gerechter und erkenntnisstärker machen.

    (2) Als „liberale“ Auffassung von Wissenschaftsfreiheit bezeichnet der Philosoph Karsten Schubert Positionen, die Wissenschaftsfreiheit durch die Abwesenheit von Politik gewährleistet sehen, wie sie z.B. vom Netzwerk Wissenschaftsfreiheit vertreten wird. Sie versteht Wissenschaft als grundsätzlich „neutral“ und sieht in Diversifizierungsprozessen, gendersensibler Sprache oder kritischen Fachdebatten politisch-moralische Eingriffe einer „linken Elite“. Die Nicht-Bewilligung von Forschungsanträgen wird dabei häufig als politisch motivierte Benachteiligung gedeutet. Eine Analyse der Mitglieder des Netzwerks zeigt, dass diese Bedrohungswahrnehmung vor allem von (mehrheitlich männlichen) Professor:innen vertreten wird, die im Wissenschaftssystem besonders privilegierte Positionen innehaben. Zugleich fällt auf, dass sich einige – entgegen ihrer Forderung nach Trennung von Wissenschaft und Politik – politisch explizit im rechtskonservativen bis hin zum neurechten Spektrum positionieren und entsprechende Lobby- und Öffentlichkeitsarbeit betreiben.

    2. Wodurch wird die Wissenschaftsfreiheit in den Geschichtswissenschaften bedroht?

    Die Wissenschaftsfreiheit in den Geschichtswissenschaften wird vor allem durch politische, ideologische und gesellschaftliche Einflussnahmen bedroht. Da historische Deutungen eine zentrale Funktion für politische Orientierung und kollektive Identität haben, geraten Historiker:innen häufig unter Druck.

    Gefährdungen gehen in geringerem Ausmaß von der Fachcommunity selbst aus als vielmehr von politischen Akteur:innen, Parteien, Verbänden, privaten Interessengruppen und Einzelpersonen. Staatliche Akteur:innen können die Wissenschaftsfreiheit beeinträchtigen, wenn sie durch Förderkriterien, gesetzliche Regelungen oder politische Vorgaben inhaltlich auf historische Forschung und Debatten einwirken oder bestimmte Positionen delegitimieren.

    Private Akteur:innen bedrohen die Freiheit von Forschung und Lehre unter anderem durch juristische Einschüchterung, strategische Klagen oder politische Boykotte, die auf die Einschränkung offener wissenschaftlicher Diskussionen zielen. Auch akademische Boykotte werden als problematisch angesehen, wenn sie Forschende kollektiv für staatliches Handeln verantwortlich machen und damit evidenzbasierte Debatten unterminieren.

    Eine besondere Rolle spielen soziale Medien, über die koordinierte Kampagnen zur Diskreditierung, Einschüchterung und Delegitimierung von Wissenschaftler:innen geführt werden. Solche Angriffe verzerren öffentliche Wahrnehmungen, erschweren sachliche Auseinandersetzungen und können erheblichen Druck auf wissenschaftliche Karrieren ausüben.

    Insgesamt zeigt sich, dass die Wissenschaftsfreiheit in den Geschichtswissenschaften zunehmend durch politische Instrumentalisierung, rechtliche Drohkulissen und mediale Dynamiken herausgefordert wird.

    In welchen geschichtswissenschaftlichen Forschungsfeldern ist die Wissenschaftsfreiheit derzeit besonders bedroht?

    Besonders bedroht sind derzeit Forschungsfelder, in denen historische und gegenwärtige Machtverhältnisse, Ungleichheiten und Gewaltverhältnisse kritisch reflektiert werden. Darunter fallen insbesondere die Antisemitismusforschung, die Postcolonial Studies sowie die Gender Studies. Diese Bereiche sind häufig politischen Angriffen ausgesetzt, da sie etablierte nationale, kulturelle oder geschlechterbezogene Selbstbilder infrage stellen.

    Postkoloniale Forschung, die koloniale Machtverhältnisse und deren fortwirkende Folgen für Gesellschaften, Wissensordnungen und Identitäten untersucht, wird dabei pauschal diffamiert. Ihre vergleichenden Methoden werden oft verzerrt dargestellt und in einen Zusammenhang mit Antisemitismus gebracht. Gender Studies werden als „ideologisch“, „woke“ oder randständig diskreditiert, indem ihre wissenschaftlichen Ansätze auf symbolische oder sprachpolitische Fragen verkürzt werden.

    Auch die Antisemitismusforschung ist besonderen Angriffen ausgesetzt, wenn ihre Analysen nicht mit politischen Deutungen übereinstimmen oder zwischen Antisemitismus und legitimer Kritik an staatlicher Politik unterscheiden, wodurch wissenschaftliche Positionen delegitimiert und offene Debatten verengt werden.

    Politische Akteur:innen nutzen parlamentarische, mediale und diskursive Strategien, um diese Forschungsfelder zu entwerten und ihren wissenschaftlichen Status infrage zu stellen. Dadurch werden die Grenzen wissenschaftlich und gesellschaftlich anerkannter Forschung und Lehre schrittweise verschoben und eine Einschränkung der Wissenschaftsfreiheit normalisiert.

    Langfristig gefährden diese Entwicklungen nicht nur die Geschichtswissenschaft, sondern auch pluralistische Debattenkulturen und eine kritisch-reflexive historisch-politische Bildung.

    Weiterführende Literatur

    Dartmann, Christoph, Antje Flüchter, Silke Schwandt, ‚Wissenschaftsfreiheit’ und Pluralisierung.“ Public History Weekly, 3 (2021). https://doi.org/10.1515/phw-2021-17995.

    Schubert, Karsten: Zwei Begriffe der Wissenschaftsfreiheit. Zum Verhältnis von Wissenschaft und Politik. Zeitschrift für Praktische Philosophie, 10, 1 (2023), S. 39–78, hier S. 2, 41. www.praktische-philosophie.org

  • Initiative Demokratische Wissenschaft

    Zitat von der Webseite der “Initiative Demokratische Wissenschaft”:

    “Die Initiative Demokratische Wissenschaft wurde im Herbst 2025 gegründet und wird von einem Netzwerk zivilgesellschaftlicher und akademischer Organisationen getragen. Sie reagiert auf ein Klima zunehmender Angriffe auf Wissenschaft und Lehre und die Gefahr wissenschaftsfeindlicher Tendenzen in den Landes- und Bundesregierungen.
    Ziel der Initiative Demokratische Wissenschaft [WissDem] ist es, wissenschaftliche Einrichtungen, Netzwerke und Fachgesellschaften zu befähigen, Gefahren für die Wissenschaftsfreiheit und die Hochschulautonomie frühzeitig zu erkennen, und autoritären und antidemokratischen Angriffen auf Institutionen, Forschende und Lehrende zu begegnen.
    Wir unterstützen dabei, präventiv effektive Resilienzstrategien zu entwickeln und solidarische akademische Netzwerke aufzubauen.
    WissDem arbeitet mit Informationswebinaren, Handreichungen, Szenarienworkshops und strategischer Vernetzung. In Kooperation mit zivilgesellschaftlichen, universitären und außer-universitären Partner*innen werden Angebote zur Stärkung juristischer, kommunikativer und strategischer Kompetenzen gemacht, die insbesondere Hochschulleitungen, Wissenschaftler*innen, Verwaltungspersonal, Fachgesellschaften, Gleichstellungs- und Antidiskriminierungsbeauftragte adressieren.
    Kooperationspartner*innen:
    Frag den Staat (Open Knowledge Foundation e.V.), Gesellschaft für Freiheitsrechte (GFF), Allianz für Kritische und Solidarische Wissenschaft (KriSol), Netzwerk Nachhaltige
    Wissenschaft, Rat für Migration (RfM), Verfassungsblog, Verwaltung für Demokratie e.V.

    Lenkungsgruppe: Prof. Dr. Julia Eckert, Dr. Dörthe Engelcke, Dr. Anne Gräfe, Prof. Dr. Sabine Hark, Prof. Dr. Ralf Michaels, Zoe Claire Miller, Prof. Dr. Juliane Karakayali, Gisela Romain, Dr. llyas Saliba, Prof. Dr. Vassilis Tsianos, Prof. Dr. Margarita Tsomou
    Kontakt: Daphne Büllesbach (Leitung) daphne.buellesbach@wissdem.org und Lilian Mauthofer (Koordination) lilian.mauthofer@wissdem.org”

    Hist4Dem begrüßt die “Initiative Demokratische Wissenschaft” und weist auf die Gemeinsamkeiten unserer Programmatik hin. Zum Thema “Neutralitätsgebot” siehe unsere Position unter “Hot Topics” auf dieser Webseite.

  • Widerstand in den USA (Organzation of American Historians)

    Academic Freedom as a Practice of Democracy

    At a panel during the Coalition for Action in Higher Education’s April 2025 national protest, urban and cultural studies scholar Davarian Baldwin made a rousing call for courage in the face of political and material repression in US colleges and universities: “We are the power that we have been waiting for.” Responding to this call, the 2026 volume of the AAUP’s Journal of Academic Freedom seeks to showcase work of students, educators, and activists—and of unions, scholarly associations, and other governance bodies—in fighting back against repression. We invite original scholarly articles grounded in a renewed notion of academic freedom as not only an abstract value or principle to be defended but also a living practice—as historian Joan Scott, among others, has put it—of research, teaching, and public engagement that articulates a democratic higher education and a democratic society.

    As a practice, academic freedom is embodied in the free, critical inquiry of students and scholars in their areas of expertise; in syllabi, curricula, and classrooms whose content is determined by experts rather than by administrators, boards of trustees, external special interest groups, or government agencies; and in the extramural speech and action of students and scholars, which are protected by the First Amendment and by AAUP principles. As recent court rulings have demonstrated, the practice of academic freedom unambiguously includes inquiry into, teaching about, and extramural speech and action pertaining to Palestine and other controversial topics. However, as experts on academic freedom have meticulously demonstrated, such practice is increasingly being delimited and circumscribed. National and international political discourses and federal investigations have pressured administrators—often all too willing to comply—to police protected speech and action on campuses, while the rise of neoliberal structures of governance at the expense of shared governance has created conditions of institutionalized disposability and precarity that further threaten the freedoms of academic workers. Under such conditions, the practice of academic freedom—resilient, defiant, and unwaveringly committed to the search for knowledge and the common good—itself becomes an instantiation of democracy over and against authoritarianism.

    To defend and fight for academic freedom is to defend and fight for democracy. With the explicit objective of contributing to this struggle, the new volume seeks submissions on initiatives that have been pursued, strategies that have been deployed, coalitions that have been built, and work that remains to be done in the fight for academic freedom.

    We will consider any eligible submission relevant to the journal’s core focus on academic freedom. Topics of special interest for the volume include but are not limited to

    • political education
    • public outreach
    • sanctuary campuses
    • mutual defense compacts and other forms of coalition-building
    • debt reveals
    • boycott, divestment, and sanctions campaigns
    • campus unionization
    • protests and other forms of mass mobilization
    • lawsuits
    • political lobbying

    The fight for academic freedom continues. But the efforts that have already been undertaken by educators and organizers suggest the formation of a new community both within and beyond the academy that is dedicated to the core freedoms on which any acceptable notion of the American university must be built—the freedom to think and to dream, to teach and to learn, to speak and to act, and to dissent in the face of authoritarianism and genocide. The proposed volume, which will be edited by Karim Mattar of the University of Colorado at Boulder, aims to help cultivate this community and these freedoms.


    Submissions of 2,000–5,000 words (including any notes and references) are due by March 9, 2026. The complete call for papers, our editorial policy, submission guidelines and instructions, and
    links to past volumes of the journal are available at https://www.aaup.org/CFP.

  • Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart: Für eine demokratische Gesellschaft

    Historiker:innen gegen Angriffe auf die Freiheit der Wissenschaft

     

    https://www.akademie-rs.de//ueber-uns/newsletter-und-social-media/akademie-newsletter-nov-2025

  • CfP: Frauen- und Geschlechtergeschichte in Zeiten der Anfechtung von Demokratie, Diversität und Verantwortung, 9.-11. September 2026

    Was geschieht in der Frauen- und Geschlechtergeschichte in diesen politisch herausfordernden Zeiten? Welche Themen und Fragen verdienen unsere Aufmerksamkeit, welche Ansätze und Perspektiven erscheinen besonders fruchtbar? Und wohin geht die Reise? Diese Fragen stehen im Mittelpunkt des Kongresses, der im September 2026 in Bielefeld stattfinden wird. Veranstaltet wird er vom Interdisziplinären Zentrum für Geschlechterforschung der Universität Bielefeld (IZG) und vom Arbeitskreis Historische Frauen- und Geschlechterforschung (AKHFG) mit Unterstützung des Fokusbereichs „Contestations of Gender and Democracy“ (ConGeD) der Universität Bielefeld. Alle weitere Informationen sind dem ausführlichen Call for Papers zu entnehmen.

  • Die “Professor Watchlist” bedroht die Wissenschaftsfreiheit

    Die Professor Watchlist ist eine Website, die von der konservativen Organisation “Turning Point USA” betrieben wird. Die Website listet akademisches Personal auf, das nach Ansicht von Turning Point “konservative Studenten diskriminiert, antiamerikanische Werte fördert und linke Propaganda im Klassenzimmer verbreitet”. Sie wurde 2016 ins Leben gerufen und hatte bis Dezember desselben Jahres etwa 200 Professoren aufgelistet. Jetzt gibt es eine Initiative der American Association of University Professors, sich selbst “anzuzeigen” und so gegen die Liste zu protestieren. Bislang sind mehr als 12.000 Kolleg*innen dieser Aufforderung gefolgt.

  • Vortragsreihe zur kultursensitiven Psychiatrie an der Staatsbibliothek Berlin, 15.10.2925 bis 14.1.2026

    Vortragsreihe zur kultursensitiven Psychiatrie

    Deutschland ist ein Einwanderungsland, auch wenn Einige dies nicht wahrhaben wollen. Menschen aus allen Teilen der Erde leben in Deutschland, von denen viele eine Traumatisierung erfahren haben, weil sie unter beklagenswerten Umständen geflüchtet sind. Gewalterfahrungen vor und während der Flucht waren für sie allgegenwärtig. Unter diesen Geflüchteten befinden sich viele sehr junge Menschen und auch alleinstehende Kinder. Ihr Status in diesem Lande ist prekär. Ohne Sprachkenntnisse, ohne angemessene schulische Bildung und ohne therapeutische Betreuung sind sie sich selbst überlassen. Wir sind zurzeit nicht in der Lage, ihnen therapeutisch zu helfen, nicht nur, weil der politische Wille dazu fehlt, sondern auch, weil Therapeut:innen mit wenigen Ausnahmen nicht dafür ausgebildet sind, Menschen aus anderen Kulturen angemessen zu betreuen.https://blog.sbb.berlin/ethnopsychiatrie/

  • hist4dem beim H-Soz-Kult Podcast „Vergangenheitsformen“

    In der neuesten Episode des H-Soz-Kult Podcasts „Vergangenheitsformen“ stellen Astrid Windus, Kerstin Wolff und Jürgen Martschukat im Gespräch mit Claudia Prinz hist4dem vor. Die ganze Folge ist hier zu hören: „Wissenschaft und Demokratie. Ein neues Netzwerk für Historiker:innen“. Daneben ist es auch auf den unterschiedlichen Podcast-Plattformen verfügbar.