{"id":968,"date":"2026-02-09T12:10:11","date_gmt":"2026-02-09T11:10:11","guid":{"rendered":"https:\/\/hist4dem.de\/?p=968"},"modified":"2026-02-09T17:29:56","modified_gmt":"2026-02-09T16:29:56","slug":"hot-topic-wissenschaftsfreiheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hist4dem.de\/en\/hot-topic-wissenschaftsfreiheit\/","title":{"rendered":"Hot Topic: Wissenschaftsfreiheit"},"content":{"rendered":"<p>1.<strong> Was hei\u00dft Wissenschaftsfreiheit?<\/strong><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Wissenschaftsfreiheit<\/span> bedeutet, dass Wissenschaftler:innen ihre Themen frei w\u00e4hlen und Forschungsergebnisse ohne wissenschaftsfremde Einflussnahme ver\u00f6ffentlichen und diskutieren k\u00f6nnen. Sie ist ein Grundrecht nach Artikel 5 Absatz 3 des Grundgesetzes und gilt f\u00fcr alle, die mit wissenschaftlichen Methoden Erkenntnisse gewinnen. Ma\u00dfgeblich sind allein Qualit\u00e4tskriterien wie empirische \u00dcberpr\u00fcfbarkeit, nachvollziehbare Argumentation und innovative Ergebnisse.<\/p>\n<p>Wissenschaftliche Erkenntnisse sind \u00fcberpr\u00fcfbare Aussagen und keine blo\u00dfen Meinungen. In der Geschichtswissenschaft gilt zugleich, dass Forschung immer perspektivisch ist. Historische Sachverhalte lassen sich unterschiedlich analysieren, je nachdem, welche Fragestellungen oder Bewertungskriterien Autor:innen zugrunde legen. Kritik durch Kolleg:innen ist daher zentral: Sie erweitert Perspektiven, f\u00fchrt zu Revisionen und erm\u00f6glicht wissenschaftlichen Fortschritt. Wissenschaftsfreiheit bedeutet somit auch, Forschungsergebnisse der \u00f6ffentlichen Kritik auszusetzen.<\/p>\n<p>In der aktuellen Kontroverse geht es vor allem um das Verh\u00e4ltnis von Wissenschaft und Politik sowie um Macht- und Privilegienstrukturen innerhalb der Wissenschaft. Dabei stehen sich zwei Auffassungen gegen\u00fcber:<\/p>\n<p>(1) Ein kritisches Verst\u00e4ndnis von Wissenschaftsfreiheit geht davon aus, dass Wissenschaft immer in politische und gesellschaftliche Machtverh\u00e4ltnisse eingebettet ist und daher nicht \u201eneutral\u201c sein kann. Wissenschaftsfreiheit soll deshalb Rahmenbedingungen schaffen, unter denen m\u00f6glichst viele unterschiedliche Perspektiven einbezogen werden k\u00f6nnen. Dazu geh\u00f6rt auch, Strukturen zu ver\u00e4ndern, die bestimmte Gruppen systematisch ausschlie\u00dfen oder benachteiligen. In den Geschichtswissenschaften zeigt sich dies in der Rezeption von Gender Studies, Critical Race Theory, Postcolonial Studies und Alltagsgeschichte, die den Blick auf zuvor marginalisierte Gegenst\u00e4nde, Herrschaftsverh\u00e4ltnisse und Gruppen erweitern. Diese \u00d6ffnung soll Wissenschaft insgesamt demokratischer, gerechter und erkenntnisst\u00e4rker machen.<\/p>\n<p>(2) Als \u201eliberale\u201c Auffassung von Wissenschaftsfreiheit bezeichnet der Philosoph Karsten Schubert Positionen, die Wissenschaftsfreiheit durch die Abwesenheit von Politik gew\u00e4hrleistet sehen, wie sie z.B. vom Netzwerk Wissenschaftsfreiheit vertreten wird. Sie versteht Wissenschaft als grunds\u00e4tzlich \u201eneutral\u201c und sieht in Diversifizierungsprozessen, gendersensibler Sprache oder kritischen Fachdebatten politisch-moralische Eingriffe einer \u201elinken Elite\u201c. Die Nicht-Bewilligung von Forschungsantr\u00e4gen wird dabei h\u00e4ufig als politisch motivierte Benachteiligung gedeutet. Eine Analyse der Mitglieder des Netzwerks zeigt, dass diese Bedrohungswahrnehmung vor allem von (mehrheitlich m\u00e4nnlichen) Professor:innen vertreten wird, die im Wissenschaftssystem besonders privilegierte Positionen innehaben. Zugleich f\u00e4llt auf, dass sich einige \u2013 entgegen ihrer Forderung nach Trennung von Wissenschaft und Politik \u2013 politisch explizit im rechtskonservativen bis hin zum neurechten Spektrum positionieren und entsprechende Lobby- und \u00d6ffentlichkeitsarbeit betreiben.<\/p>\n<p>2. <strong>Wodurch wird die Wissenschaftsfreiheit in den Geschichtswissenschaften bedroht?<\/strong><\/p>\n<p>Die Wissenschaftsfreiheit in den Geschichtswissenschaften wird vor allem durch politische, ideologische und gesellschaftliche Einflussnahmen bedroht. Da historische Deutungen eine zentrale Funktion f\u00fcr politische Orientierung und kollektive Identit\u00e4t haben, geraten Historiker:innen h\u00e4ufig unter Druck.<\/p>\n<p>Gef\u00e4hrdungen gehen in geringerem Ausma\u00df von der Fachcommunity selbst aus als vielmehr von politischen Akteur:innen, Parteien, Verb\u00e4nden, privaten Interessengruppen und Einzelpersonen. Staatliche Akteur:innen k\u00f6nnen die Wissenschaftsfreiheit beeintr\u00e4chtigen, wenn sie durch F\u00f6rderkriterien, gesetzliche Regelungen oder politische Vorgaben inhaltlich auf historische Forschung und Debatten einwirken oder bestimmte Positionen delegitimieren.<\/p>\n<p>Private Akteur:innen bedrohen die Freiheit von Forschung und Lehre unter anderem durch juristische Einsch\u00fcchterung, strategische Klagen oder politische Boykotte, die auf die Einschr\u00e4nkung offener wissenschaftlicher Diskussionen zielen. Auch akademische Boykotte werden als problematisch angesehen, wenn sie Forschende kollektiv f\u00fcr staatliches Handeln verantwortlich machen und damit evidenzbasierte Debatten unterminieren.<\/p>\n<p>Eine besondere Rolle spielen soziale Medien, \u00fcber die koordinierte Kampagnen zur Diskreditierung, Einsch\u00fcchterung und Delegitimierung von Wissenschaftler:innen gef\u00fchrt werden. Solche Angriffe verzerren \u00f6ffentliche Wahrnehmungen, erschweren sachliche Auseinandersetzungen und k\u00f6nnen erheblichen Druck auf wissenschaftliche Karrieren aus\u00fcben.<\/p>\n<p>Insgesamt zeigt sich, dass die Wissenschaftsfreiheit in den Geschichtswissenschaften zunehmend durch politische Instrumentalisierung, rechtliche Drohkulissen und mediale Dynamiken herausgefordert wird.<\/p>\n<p>In welchen geschichtswissenschaftlichen Forschungsfeldern ist die Wissenschaftsfreiheit derzeit besonders bedroht?<\/p>\n<p>Besonders bedroht sind derzeit Forschungsfelder, in denen historische und gegenw\u00e4rtige Machtverh\u00e4ltnisse, Ungleichheiten und Gewaltverh\u00e4ltnisse kritisch reflektiert werden. Darunter fallen insbesondere die Antisemitismusforschung, die Postcolonial Studies sowie die Gender Studies. Diese Bereiche sind h\u00e4ufig politischen Angriffen ausgesetzt, da sie etablierte nationale, kulturelle oder geschlechterbezogene Selbstbilder infrage stellen.<\/p>\n<p>Postkoloniale Forschung, die koloniale Machtverh\u00e4ltnisse und deren fortwirkende Folgen f\u00fcr Gesellschaften, Wissensordnungen und Identit\u00e4ten untersucht, wird dabei pauschal diffamiert. Ihre vergleichenden Methoden werden oft verzerrt dargestellt und in einen Zusammenhang mit Antisemitismus gebracht. Gender Studies werden als \u201eideologisch\u201c, \u201ewoke\u201c oder randst\u00e4ndig diskreditiert, indem ihre wissenschaftlichen Ans\u00e4tze auf symbolische oder sprachpolitische Fragen verk\u00fcrzt werden.<\/p>\n<p>Auch die Antisemitismusforschung ist besonderen Angriffen ausgesetzt, wenn ihre Analysen nicht mit politischen Deutungen \u00fcbereinstimmen oder zwischen Antisemitismus und legitimer Kritik an staatlicher Politik unterscheiden, wodurch wissenschaftliche Positionen delegitimiert und offene Debatten verengt werden.<\/p>\n<p>Politische Akteur:innen nutzen parlamentarische, mediale und diskursive Strategien, um diese Forschungsfelder zu entwerten und ihren wissenschaftlichen Status infrage zu stellen. Dadurch werden die Grenzen wissenschaftlich und gesellschaftlich anerkannter Forschung und Lehre schrittweise verschoben und eine Einschr\u00e4nkung der Wissenschaftsfreiheit normalisiert.<\/p>\n<p>Langfristig gef\u00e4hrden diese Entwicklungen nicht nur die Geschichtswissenschaft, sondern auch pluralistische Debattenkulturen und eine kritisch-reflexive historisch-politische Bildung.<\/p>\n<p>Weiterf\u00fchrende Literatur<\/p>\n<p>Dartmann, Christoph, Antje Fl\u00fcchter, Silke Schwandt, \u201aWissenschaftsfreiheit\u2019 und Pluralisierung.\u201c Public History Weekly, 3 (2021). https:\/\/doi.org\/10.1515\/phw-2021-17995.<\/p>\n<p>Schubert, Karsten: Zwei Begriffe der Wissenschaftsfreiheit. Zum Verh\u00e4ltnis von Wissenschaft und Politik. Zeitschrift f\u00fcr Praktische Philosophie, 10, 1 (2023), S. 39\u201378, hier S. 2, 41. www.praktische-philosophie.org<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Was hei\u00dft Wissenschaftsfreiheit? 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